Die USPD in Erding nach dem Ersten Weltkrieg - unser Vorgänger?

 
(Auszug aus einer Facharbeit von 1991, Thema:
"Die Ergebnisse der Wahlen zur Nationalversammlung und zum Deutschen Reichstag in Erding von 1919 bis 1924 im Vergleich zu den jeweiligen Gesamtergebnissen")
 
 
 
Die Geschehnisse in Erding
 
>>Im provinziellen Erding spielte sich die Novemberrevolution 1918 relativ ruhig ab.
Bemerkenswert ist jedoch, dass sich in Erding ein „Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat“¹ bildete, und zwar am 9.11.1918 als erster außerhalb von München. Diesem Rat gehörten jedoch kaum 'radikale' Elemente – etwa aus der USPD – an, sondern er wurde „von gemäßigten Kräften“¹ beherrscht. Er erklärte sich loyal gegenüber der Regierung Eisner in München und versicherte, dass Erding dem „Volksstaat Bayern (...) dienen wird“². Der Rat kontrollierte und bestimmte die politische Arbeit des „Gemeinde-Collegiums Erding“², das den Rat „jedes mal zwei Tage vor den Sitzungen einladen“² musste.
Davon abgesehen blieb es aber in Erding ruhig – bis in München die Sozialdemokraten die Macht wieder an die 'Radikalen' um Landauer verloren, die nun die Räterepublik ausriefen. In der Nacht vom 15. auf den 16.4.1919 traf eine bewaffnete Revolutionsgarde von „'abgehalfterten' Soldaten“² in Erding ein [...] und nahm einige prominente Bürger „als Geiseln mit“², die jedoch einige Kilometer entfernt wieder entlassen wurden.
Aufgeschreckt von diesen Vorgängen stellten die Erdinger gleich am folgenden Tag eine „Bürger- und Volkswehr“² auf, doch in München waren die Regierungstruppen bald wieder Herr der Lage, so dass wieder ruhigere Zeiten in Erding einkehren konnten.
Erwähnenswert hinsichtlich der politischen Auswirkungen ist vielleicht noch der Bau des Mittleren-Isar-Kanals, denn dieser „belebte die Arbeit der Organisationen“³; bekannt ist z. B. ein „Streik“³ im Jahre 1922, der eine „Aussperrung auf etwa 3 Wochen“³ zur Folge hatte.
 
 
 
Anmerkungen:
¹   Organisationskomitee 750 Jahre Erding, 1978, S. 11
²   Ebenda, S. 97 f
³   Ebenda, S. 47
 
 
 
 
Analyse und Interpretation der Unterschiede im Wahlverhalten
 
Vergleicht man nun das Wahlverhalten im ganzen Reich mit dem in Erding, so fällt als erstes die Polarisierung zwischen den beiden großen Volksparteien BVP und SPD auf: 1919 bekamen beide Parteien zusammen über 90% der Stimmen, und auch später fächerte sich die Parteienlandschaft in Erding kaum auf.
Dabei war das Gewicht deutlich auf Seiten der BVP – sieht man einmal von der Wahl 1919 ab, die als Ausnahme unter den besonderen Umständen der Wahlen zur Nationalversammlung angesehen werden muss, da in den darauf folgenden Jahren die BVP klar die absolute Mehrheit erreichte. Auch wenn man dies mit dem Abschneiden der BVP in Bayern vergleicht, die dort durchschnittlich etwa 36% erzielte, bleibt das Übergewicht der BVP in Erding auffällig. Die Gründe muss man wohl in dem ländlichen und katholischen Charakter Erdings zu dieser Zeit sehen – das damals ja der pferdereichste Landkreis in Bayern¹ war und in dem die Erdinger Schranne lange eine wichtige Rolle gespielt hatte; auch betrug die Anzahl der Evangelischen nach einer Volkszählung im Jahre 1925 nur 135² von damals etwa 4 000 Einwohnern. So verwundert es nicht, dass die meisten Erdinger sich durch die BVP angesprochen fühlten, zumal sie – wie die meisten in diesem Land – die Interessen Bayerns durch diese Partei am besten vertreten sahen.
Trotzdem schnitt die andere große Volkspartei – die SPD – jedoch noch relativ gut ab, besonders im Vergleich zu ihren Ergebnissen in ganz Bayern. Dies gilt insbesondere für das Jahr 1919; es kann angenommen werden, dass der ruhige Verlauf der Novemberrevolution in Erding durch die gemäßigten Kräfte im Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat bei vielen Erdingern einen positiven Eindruck hinterlassen hat.
Durch die Polarisierung zwischen SPD und BVP blieb natürlich für eine liberale Mitte so gut wie kein Platz: 2,1% war das höchste Ergebnis, das die DDP in Erding erzielen konnte. In dieser Beziehung war Erding auch verglichen mit Bayern untypisch; dort hatte die DDP 1919 immerhin 13,9% erreicht. Als Grund hierfür spielte vielleicht eine Rolle, dass die DDP keinen „Anfangsbonus“ aus den Wahlen zur Nationalversammlung mitbringen konnte, weil 1919 keine liberale Gruppierung neben der DVP in Erding angetreten war.
Erstaunlich ist allerdings, dass der Bauern- und Mittelstandsbund im Vergleich zu Bayern in Erding so gut wie keine Rolle spielte: er erreichte durchschnittlich nur 1,5%, wohingegen er landesweit um die 9% lag. Der BVP musste es also gelungen sein, nicht nur den katholischen Teil der Bevölkerung, sondern auch den Bauernstand fast vollständig zu integrieren.
Bei der Radikalisierung der Parteienlandschaft Erdings muss man unterscheiden: Der Linksradikalismus war in Erding im Vergleich zum Reich und auch im Vergleich zu Bayern wenig ausgeprägt. KPD und USPD erzielten im Reich durchschnittlich etwa 13%, in Bayern um die 7%, in Erding dagegen nur um die 5%. Diese Parteien hatten ihr Hauptpotential natürlich im Proletariat der großen Städte und Industriegebiete, außerdem waren sie im Norden des Deutschen Reiches durchschnittlich erfolgreicher. Insbesondere war der allgemeine Linksrutsch bei den Reichstagswahlen 1920 in Erding nicht so deutlich – vielleicht noch unter dem Eindruck des „Überfalls“ der Roten Garde im April 1919.
Am anderen Ende des Parteienspektrums war zwar die gemäßigte Rechte aus DVP und BMP (=DNVP) in Erding im Vergleich zum Reich relativ bescheiden, die radikale NSDAP dagegen war im Mai 1924 in Erding bei weitem erfolgreicher als im Durchschnitt. Vergleicht man jedoch mit den Ergebnissen in Bayern, so stellt man fest, dass DVP und BMP landesweit nicht sehr stark waren – die DNVP hatte ja einen Großteil ihrer Wählerschaft im protestantischen Teil der Bevölkerung, in Großgrundbesitzern und Unternehmern – besonders gut schnitt sie außerdem in Preußen ab. Unter diesen Gesichtspunkten sind die 6% zu sehen, die die beiden Parteien in Erding im Durchschnitt erzielten – gegenüber 26% auf Reichsebene.
Im Vergleich mit Bayern wird außerdem deutlich, dass die NSDAP in Erding eher schlechter Abschnitt als im ganzen Land. Dass Hitler in Bayern so erfolgreich war, lag an der weit verbreiteten reaktionären, pro-monarchischen Grundeinstellung verbunden mit partikularistischen Bestrebungen.
Fasst man zusammen, so stellt sich Bayern in mancher Hinsicht als eine Art „Mittelwert“ zwischen den Tendenzen in Erding und im gesamten Reich dar.
 
 
Anmerkungen:
¹   nach: Organisationskomitee 750 Jahre Erding, 1978, S. 11
²   nach: Dachs, 1961, S. 68
 
 
 
Verzeichnis der verwendeten Literatur:
 
 
- Organisationskomitee 750 Jahre Erding, Stadt Erding:
  Chronik – Bilderbogen – Dokumente, o. O., 1978
- Dachs, H. u. K., Stadt Erding, Erding, Verlag E. Schwankl, 1961
 
Zahlen aus: Bundeszentrale für politische Bildung, 1985, S. 6; Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, 1987, S. 230; Haus der Bayerischen Geschichte, 1989, S. 49; Erdinger Anzeiger, 9.12.1924; Archiv Erding, EAPl-Nr. 004<<
 
 

 (c) Johannes Böhm